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Der Efeu

 

            Die Arzneipflanze des Jahres 2010



Der Efeu-Kletterpflanze (bot. hedera helix) wurde eine ganz besondere Ehre zuteil: Sie wurde vom "Studienkreis Entwicklung der Arzneipflanzenkunde" an der Universität Würzburg zur Arzneipflanze des Jahres 2010 gewählt. "Wie kaum eine andere Heilpflanze ist der Efeu mit der europäischen Kulturgeschichte verbunden", heißt es u.a. in der Entscheidung der Wissenschaftler. Die Auswahlgruppe, bestehend aus Medizinhistorikern, Ärzten, Apothekern und Biologen, zum Teil wirken auch Studierende und Dozenten mit, wählt seit dem Jahr 1999 jeweils die "Arzneipflanze des Jahres". Der Efeu ist Nachfolger des Fenchels, der Arzneipflanze des Jahres 2009. Der Efeu, den jedes Kind kennt, wächst allenthalben in vielen Gärten, er wuchert gerne meterhoch an Häusern, Türmen, Schlössern, Bäumen und Ruinen empor und bedarf kaum der Pflege. Er ist auch im Wald zu finden. Doch nur wenige wissen, dass der Efeu heilende Wirkungen ausübt. Dabei wird diese Pflanze bereits seit Jahrhunderten vor allem als Schmerzmittel, ferner gegen Verbrennungen und auch bei Atemwegserkrankungen hilfreich eingesetzt. Die Wirksamkeit des Efeu-Extrakts sei durch klinische Studien seit langem gut belegt, berichteten Franz-Christian Czygan, Johannes Gottfried Mayer und Konrad Goehl vom Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde der Universität Würzburg. Darüber hinaus hat diese Pflanze eine sehr interessante Kultur- und Medizingeschichte aufzuweisen - und gerade diese besonderen Eigenschaften haben ihr jetzt diese besondere Auszeichnung eingebracht. Das jeweils ausgesuchte Gewächs soll eine interessante Kultur- und Medizingeschichte aufweisen und seine Wirkung muss erwiesen sein. Namentlich Naturheilkundler schätzen die gute heilende Wirkung der Efeu-Pflanze.


Inhaltsstoffe


Die besonderen wirkungsbestimmenden Inhaltsstoffe des Efeus sind die Saponine (2,5-6 Prozent Triterpensaponine) - die ihren Namen daher haben, dass sie seifenartigen Schaum bilden können (lat. Sapo = Seife) - mit der Hauptkomponente Hederasaponin C. Ferner finden sich auch Flavonoide (Quercetin, Kämpferol, Rutinoside, Glucoside), sowie Kaffeesäurederivate, Polyacetylene, Sterole, ätherisches Öl in geringen Mengen und freie Aminosäuren. Für einzelne Triterpensaponine konnte eine krampflösende (spasmolytische) Wirkung nachgewiesen werden. Ein Extrakt zeigte ein großes antimikrobielles Spektrum gegen Keime. Übrigens: Die Saponine sind auch in Süßholz und der Schlüsselblume enthalten - die deshalb oft Erkältungstees zugemischt werden.


Efeupräparate in der Antike und heute

Die Blätter, Früchte und Früchte der Efeu-Kletterpflanze wurden schon in der Antike therapeutisch verwendet, innerlich und äußerlich, z.B. als Schmerzmittel gegen Ohren-, Kopf- und Zahnschmerzen, aber auch gegen Menstruationsbeschwerden, Gicht, Milzbeschwerden, Lungenleiden, Fieber und Brandwunden oder auch als Salbe vor allem bei Verbrennungen. Es wurde auch von der angeblich empfängnisverhütenden und sogar abtreibenden Wirkung der Pflanze berichtet, die vermutlich auf ihre toxische Wirkung zurückzuführen ist. Heute setzt man dafür bevorzugt auf die so genannten Saponine. Diese Wirkstoffe sind in dem Auszug aus den gelappten grünen Blättern der Pflanze enthalten, sie lindern vor allem chronisch-entzündliche Erkrankungen der Bronchien, akute Entzündungen der Atemwege sowie auch Symptome bei Keuchhusten. In der Regel werden Efeuextrakte als Monopräparat angeboten.


Efeu ist giftig


Allerdings, und darauf weist die Auswahlgruppe warnend hin, kann Efeu als Medizin auch gefährlich werden. Denn, so die Experten, können frische Efeublätter und deren Saft nach Kontakt mit der Haut allergische Hautreaktionen verursachen, während die Beeren beim Verzehr Vergiftungserscheinungen auslösen, speziell bei Kindern. Übelkeit, Durchfall und Erbrechen sind die Folgen. Es gilt die Warnung: Sämtliche Pflanzenteile des Gemeinen Efeus sind giftig. Bekannte giftige Inhaltsstoffe sind a-Hederin (Triterpen Saponin, darunter 80% Hederasaponin C) und Falcarinol. Hinweise auf Vergiftung können bereits nach Einnahme von zwei bis drei Beeren auftreten, das sind: Brennen im Rachen, Durchfall und/oder Erbrechen, Kopfschmerzen, erhöhter Puls, Krämpfe. Nach Aufnahme großer Mengen, was allerdings sehr unwahrscheinlich ist, da sie sehr bitter sind, können Schock und Atemstillstand auftreten. Vorsicht ist also angebracht und der Expertenrat stets beim behandelnden Arzt einzuholen. Aus diesem Grund sollte Efeu auch nur in der fertig zubereiteten Form aus der Apotheke und nach Angaben des Arztes oder Heilpraktikers verwendet werden. In der Volksheilkunde wird ein Efeu-Umschlag bei Nervenschmerzen empfohlen.


Die Pflanze

Der Gemeine Efeu ist eine immergrüne, mehrjährige Pflanze, die in der Lage ist, mit Hilfe von Haftwurzeln an hohen Bäumen und Mauern emporzuklettern, wobei sie Höhen von bis zu 20 Metern erreichen kann. Der Gemeine Efeu ist der einzige einheimische Wurzelkletterer in Mitteleuropa. Fehlen ihm Mauern oder ähnliche Klimmhaftstützen, so überwuchert und bedeckt er gelegentlich flächendeckend auch den Boden. Der Efeu kann ein Höchstalter von etwa 450 Jahren erreichen. In der Botanik bilden die Efeugewächse (Araliaceen) eine eigene Familie.

Der Efeu hat recht unscheinbare kleine, gelbgrüne Blüten, die in halbkugeligen Dolden stehen und in den Monaten September bis Oktober erscheinen. Mit dieser recht späten Blütezeit im Jahr ist der Efeu eine ausgesprochene Besonderheit innerhalb der mitteleuropäischen Flora, die blühende Pflanzen hauptsächlich in den Frühjahrs- und Sommermonaten aufweist. Doch aufgrund dieser sehr späten Blüte ist der Efeu eine ausgesprochen wichtige Nahrungsquelle für Bienen, Wespen und Schwebfliegen. Von den Schmetterlingen bevorzugt besonders der Admiral diese Blüten. Die Efeu-Seidenbiene hat sich sogar ausschließlich auf Efeu-Pollen für die Aufzucht ihrer Brut spezialisiert. Die Früchte reifen erst zwischen Februar und April und werden dann vor allem von Gartenrotschwänzen, Mönchsgrasmücken, Staren, Amseln und Drosseln gefressen, die auf diese Weise die Samen mit ihrem Kot verbreiten.


Die geografische Verbreitung

Der Gemeine Efeu gedeiht in West-, Mittel- und Südeuropa, und zwar von der Ebene bis in mittlere Gebirgslagen hinauf, im Norden reicht sein Verbreitungsgebiet bis nach Südschweden. Die Heimat von Hedera helix ist West-, Mittel- und Südeuropa, die Mittelmeerländer und Südwestasien. Im Norden und Osten kommt er verstreut hier und dort vor, in den USA ist er im Südosten eingebürgert. Als Standort bevorzugt der Efeu Wälder und Auengehölze, Steinbrüche und Ruinen. Der Gemeine Efeu entstammt ursprünglich den Tropenwäldern des Tertiärs. Daran erinnern die Träufelspitzen seiner Blätter, die das Regenwasser rasch ableiten.

Kulturgeschichtliches Kulturgeschichtlich hat der Efeu Vielfältiges aufzuweisen: Er galt früher als Wahrzeichen für das ewige Leben, er stand auch für Liebe und Treue und wurde deswegen bevorzugt an Brautpaare verschenkt als Sinnbild ihrer immerwährenden Verbundenheit. Efeu war insbesondere die „heilige Pflanze der Musen“, so wurde er im klassischen Altertum den Göttern des Weines
geweiht: in Griechenland dem Dionysos, im Römerreich dem Bacchus, der mit Wein- und Efeulaub bekränzt dargestellt wurde. In Ägypten heiligte man damit dem Gott Osiris, der Efeu wurde als Hinweis auf die Präsenz des Gottes verstanden. Dichter bekränzte man in der Antike mit Efeu, weil er die heilige Pflanze der Musen war. Im frühen Christentum war der Efeu ebenfalls sehr beliebt und allgegenwärtig: So rankte er auf Sarkophagen und im Mittelalter schmückten Efeuranken, in Stein gehauen, vielfach Kirchen und Kathedralen wie beispielsweise Reims, oder in Holz geschnitzt den Altenburger Dom. Da der Efeu nicht bestehen kann, ohne sich anzuschmiegen, ist er seit alters her ein Sinnbild für Freundschaft und Treue.


Efeu im Aberglauben und im Brauchtum (siehe auch Wikipedia)

In Westfalen brachten am 3. Fasten-Sonntag Mädchen den Nachbarn Efeukränze, die über dem Herd aufgehängt wurden, um so den Frühling ins Haus zu bringen. Als Orakelpflanze soll Efeu am 24. Februar - Matthias - verwendet worden sein. Nachts tanzten die Mädchen bei Fackelschein und warfen die Efeu- und Strohkränze ins Wasser. Hinter ihrem Rücken mussten sie versuchen, einen Kranz zu fassen. Der Efeukranz bedeutete Glück in der Liebe, es sollte noch in demselben Jahr Hochzeit sein. Der Strohkranz zeigte dagegen Unglück an. Ebenso wurde mit Efeublättern in der Andreasnacht orakelt. Man warf zwei Efeublätter in eine Schale mit Wasser, so dass sie auf der Oberfläche schwammen. Waren die Blätter am nächsten Morgen zusammengetrieben, dann sollte es noch in diesem Jahr Hochzeit geben. Trieben sie getrennt voneinander, dann musste man noch länger warten.


Der Name

Das deutsche Wort „Efeu“, so wird vermutet, ist wohl aus dem altsächsischen Wortstamm «ebah » oder «ifig» hervorgegangen, der mit «Kletterer» übersetzt wird. Schon früh wurde der Wortstamm nach Angaben der Namensforscher mit dem Wort «Heu» verbunden wurde. Daraus wurde das althochdeutsche «ep-höu» oder «ebe-höu», was soviel wie Kletterlaub bedeuten könnte. Der botanische Name Hedera helix leitet sich nach Ansicht der Wissenschaftler vermutlich von
dem griechischen Begriff hédra, was Sitz bedeutet, ab, weil die Pflanze auf dem bzw. am Baum "sitzt" und haftet. Helix stammt von dem griechischen Wort ‚helissein’, was so viel wie winden, drehen heißt, denn der Efeu windet sich um den Baum herum, an den er sich klammert. Bei den Griechen hieß der Efeu kissós, was ebenfalls "Schlinge" bedeutet. Bei der Arzneipflanze des Jahres werden entweder relativ wenig bekannte Pflanzen berücksichtigt, die helfen sollen, die Öffentlichkeit über die große Bandbreite an Heilpflanzen zu informieren. Oder es handelt sich um extrem verbreitete Pflanzen wie etwa die Minze oder eben jetzt der Efeu, über deren pharmakologische Eigenschaften nur wenige Menschen Bescheid  wissen.


Efeu-Sorten

Von der Efeupflanze existieren heute etwa 400 Sorten mit einer sehr großen Bandbreite an Blattformen und -farben. Efeu wird üblicherweise rein vegetativ durch Stecklinge vermehrt. Manche Sorten sind in weiten Teilen Europas winterhart, andere Formen gedeihen nur in wärmeren Lagen; einige werden als Zimmerpflanzen verwendet. Was die „Arzneipflanze des Jahres“ jeweils besonders auszeichnet Die Jahr für Jahr zur Arzneipflanze des Jahres gekürten Gewächse sollen eine interessante Kultur- und Medizingeschichte aufweisen und in gut belegten oder viel versprechenden pharmakologischen und klinischen Studien überprüft sein. Dabei berücksichtigt der Studienkreis mit Vorzug vielfach weniger bekannte Pflanzen, wie den Stechenden Mäusedorn, um der Öffentlichkeit die große Vielfalt der Heilpflanzen näher zu bringen. Andererseits wählt er auch, wie in diesem Jahr im Fall des Efeus oder früher der Pfefferminze, sehr bekannte Pflanzen aus, über deren besondere Heilwirkungen meist wenige Menschen Bescheid wissen.

 


Bisherige Arzneipflanzen des Jahres

Zuvor hat der Studienkreis folgende Arzneipflanzen des Jahres gewählt:


1999: Buchweize 

2001: Arnik 

2002: Stechender Mäusedor 

2003: Artischocke

2004: Pfefferminze

2005: Arzneikürbis

2006: Thymia 

2007: Hopfe 

2008: Gemeine Rosskastanie

2009: Fenchel


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Artikel verfasst Dezember 2009                               Hans Harress