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Falscher Schinken im Angebot


Nach Käse-Imitaten nunmehr auch falscher Kochschinken!


                                                  
                                       Hans Harress


Die Verbraucherinnen und Verbraucher werden auch weiterhin massiv von der Lebensmittelindustrie und Gaststättenwirtschaft getäuscht, meist aus finanziellen Gründen. Schon in der Schule oder im Elternhaus lernen die Kinder: Der Käse wird aus Milch hergestellt und der Schinken kommt vom Schwein. Doch das war anscheinend einmal so. Was heute vielfach auf Pizzen und in zahlreichen  Fertiggerichten in den Supermärkten als Schinken oder Käse deklariert wird, hat mit den üblichen (echten) Lebensmitteln meist wenig gemeinsam.

Wir erinnern: Es ist noch nicht lange her, da wurde aufgedeckt, dass statt echtem Kuhmilch-Käse klamm-heimlich große Mengen von Käse-Imitaten aus wesentlich billigeren Pflanzenfetten und weiteren Zutaten insbesondere für den Belag auf Pizzen oder Brötchen etc. verwendet werden, ohne dass die Verbraucher in den meisten Fällen darauf hingewiesen wurden, wie es das Gesetz vorschreibt. Den Qualitätsunterschied konnten bzw. können die Kunden in der Regel nicht erkennen, weder von der Ansicht noch vom Geschmack her.

In jüngster Zeit wurde durch die Medien bekannt, dass Nachforschungen von Verbraucherorganisationen und staatlichen Lebensmittelkontrolleuren ergeben haben, dass offensichtlich schon seit längerem zunehmend nunmehr verstärkt falscher Kochschinken aufgetaucht ist und verkauft wird, der namentlich für den Belag von Pizzen, Nudelgerichten und Salaten verwendet wird. Dieser Schinken wird auch „Schummel-Schinken“ oder „Imitat-Schinken“ bezeichnet. Besonders häufig fiel die Verarbeitung dieses minderwertigen Mogel-Schinkens in Gaststätten auf, wo in zwei Dritteln aller Fälle etwa für Pizza-Beläge, in Fertiggerichten oder bei Schinken-Nudeln die billigeren Schinkenimitate eingesetzt wurden, und zwar ohne jeden Hinweis für die Kundschaft. Dieser Kunst-Schinken besteht zum großen Teil „aus schnittfestem Stärke-Gel, in das kleine Fleischstückchen (Kleinfleisch) eingebettet sind“, erläuterte der Verbraucherschutz-Staatssekretär des hessischen Ministeriums Mark Weinmeister (CDU) im Radiosender hr.Info. Der Fremdwassergehalt in diesen Imitaten sei im Vergleich zu echtem Schinken sehr hoch, hingegen der von tierischem Eiweiß extrem niedrig. „Das ist üble Verbrauchertäuschung“, so Weinmeister.

Worin liegt der Unterschied in der Fleischqualität?
Es gibt Formschinken und Schinkenimitate. Formschinken, der schon seit langer Zeit im Handel ist, besteht aus gepressten Fleischfasern, der Muskelfleischanteil liegt wie bei echtem (Hinter)-Schinken bei mindestens 95 Prozent, jedenfalls sollte er diesen Anteil enthalten. Schinken-Imitate haben dagegen höchstens einen Fleischanteil von 60 Prozent, vielfach inzwischen sogar nur noch um die 40 Prozent. Der fehlende Fleischanteil wird mit Wasser und Bindemitteln ausgeglichen, zusätzlich werden Soja- und Milcheiweiß zugesetzt. Das für manche Kunden nachteilige Problem besteht darin, dass  als sie Laien, sofern sie keinen besonderen Verdacht schöpfen und zudem über keine speziellen Fleisch-Kenntnisse verfügen, so gut wie nicht in der Lage sind, die minderwertige Schinken-(Imitat)- Qualität von echtem Schinken unterscheiden können, zumal laut Bayerischem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit solche Produkte häufig falsch ausgezeichnet werden. Selbst wenn der Hersteller des Imitatschinkens ihn der Gastronomie gegenüber korrekt als „Pizzabelag aus gepökeltem Schulterfleisch“ kennzeichnet und verkauft, wird der Gaststättenbesucher auf der Speisekarte in der Regel ihn falsch deklariert als „Schinken“ aufgeführt vorfinden. Das haben vielfach Überprüfungen ergeben. Sehr problematisch werden kann das Verzehren dieses Schinken-Imitats insbesondere für Allergiker, wenn sie nicht auf die (wahren) Inhaltesstoffe hingewiesen werden.

Es wurden allein in Hessen seit dem Jahre 2006 mehr als 530 Proben von Kochschinken, kochschinkenähnliche Produkte und Schinken-Imitate bei Gastronomen, Herstellern und Händlern zur Überprüfung genommen. Die Lebensmittelkontrolleure fanden dabei heraus, dass in fast jeden dritten Fall die billigeren Schinkenimitate verwendet wurden. Getrickst wird auch bei der
Bezeichnung dieser Schinken-Imitate. Ein Beispiel ist die Bezeichnung „Spalla Cotta - Vorderschinken nach italienischer Art aus Vorderschinkenteilen“. Auch hier gilt die Warnung der Behörden: „Vorsicht - Mogelschinken!“ Staatssekretär Weinmeister von der hessischen Landesregierung wies mit Nachdruck darauf hin, wer derartige Imitate ohne ausreichende Kennzeichnung, wie gesetzlich vorgeschrieben, verwende, begehe zumindest eine Ordnungswidrigkeit. „Bei nachgewiesenem Vorsatz liegt sogar eine Straftat vor“, warnte er. Er kündigte bei dieser Gelegenheit an, dass  die Lebensmittelkontrolleure in Zukunft hart durchgreifen werden. Jedem, der weiterhin das Imitat wiederholt ohne vorgeschriebene Kennzeichnung verwende und anbiete, dem drohe die Veröffentlichung seines Namens im Internet. Zu fragen ist, warum diese Behörde nicht längst schon in der Öffentlichkeit auf die vielfachen Betrugsversuche hingewiesen hat.

Der Präsident des Hessischen Bauernverbandes, Friedhelm Schneider, reagierte auf die jüngst in den Medien veröffentlichten Berichte über den Imitat-Schinken-Skandal und Betrug mit den Worten: „Wo Schinken drauf steht, muss auch Schinken drin sein.“ Denn hier werde das hochwertige Lebensmittel Schinken lediglich zur Produktwerbung verwendet und dafür das weit billigere Imitat aus Stärke-Gel, kleinen Fleischstückchen und Wasser bestehende Imitat auf die Teller der nichts ahnenden und somit betrogenen Verbraucher gelegt. Dieser Etikettenschwindel müsse sofort unterbunden und hart bestraft werden.

Angesichts der zunehmenden kriminellen Machenschaften zu Lasten der Verbraucher und Landwirte als Schweinezüchter fordert der Bauernpräsident eine Verschärfung der Kontrollen, die möglichst flächendeckend im gesamten Bundesgebiet unangemeldet und permanent durchgeführt werden müssten, und darüber hinaus eine harte Bestrafung der Täter und Betrüger. Das Gleiche gelte im übrigen für den sogenannten Schummel- bzw. Analogkäse (Käse-Imitat), der in nicht wenigen Pizzerien und Bäckereien statt aus Milch hergestelltem echten Käse ohne vorgeschriebene Kennzeichnung zum Einsatz komme.

In Hessen nahmen die Lebensmittelkontrolleure in jüngster Zeit erneut insgesamt 106 Gastronomiebetriebe und deren Schinkenangebote unter die Lupe mit dem Ergebnis, dass in 72 der untersuchten Proben statt echtem Kochschinken lediglich billige Schinken-Imitate auf den Tellern der getäuschten Gäste landeten. Darüber hinaus wird bei jedem fünften der insgesamt 422 getesteten hessischen Betriebe Imitat-Schinken verkauft, und zwar ohne die vorgeschriebene Kennzeichnung. Damit, so das Resumé, ist der Mogelschinken eine glatte üble Verbrauchertäuschung.

Hinweise, wie man Schummelschinken möglicherweise doch erkennen kann

Welche Bezeichnungen, so sie denn überhaupt vorhanden sind, weisen auf Schinken-Imitate hin? Allein Bezeichnungen wie „Formfleisch-Schinken“ sollten den Verbraucher und Käufer misstrauisch machen. Im Sinne des Lebensmittelrechtes ist zwar Formfleisch-Schinken kein Imitat, aber eben auch kein reiner echter Schinken. Er besteht aus kleineren künstlich zusammengefügten Fleischstückchen, gemischt aus echtem Schinken und (billigerem) Schulterfleisch. Das Schinken-Imitat verbirgt sich hinter Bezeichnungen wie „Kochpökelfleischimitat“ oder auch „Pizzabelag nach Art einer groben Brühwurst aus Schweinefleisch“. Doch in der Regel werden solche Imitate nicht korrekt gekennzeichnet und somit die Verbraucher getäuscht.

Kann echter Schinken und Schinken-Imitate äußerlich unterschieden werden?

Bei echtem (Hinter)-Schinken lässt die natürliche Wuchsrichtung bzw. Gewebestruktur der Muskulatur und der natürliche Muskelzusammenhang auf echte Schinkenqualität schließen, sowie auch der schmale (weiße) Fettrand. Vorderschinken ist vom Schwein und enthält viel Fett und Bindegewebe. Bei Formfleisch-Schinken, es handelt sich um keinen echten Schinken, sind die zusammengefügten Muskelfleischstücke und ihre unterschiedliche Muskelfaserrichtung erkennbar. Die Fleischstücke werden nach dem Pökeln so lange in einer Trommel bewegt, bis das Fleischeiweiß austritt. Die dadurch entstandene Masse wird in Kunstdärmen zusammengepresst und danach gegart. Durch diesen Prozess entsteht ein schnittfester Formfleisch-Schinken oder auch Formfleisch-Vorderschinken.

Die neuerdings aufgetauchten Schinken-Imitate ("Schummel-Schinken") bestehen dagegen vorwiegend  aus einer gelee- bzw. gallertartigen schnittfesten Masse, in die kleinste, d.h. oft fein zerkleinerte teils deutlich erkennbare Fleischstückchen ohne Schinkenanteil eingebettet sind. Sie haben keine einheitliche Muskelfaserstruktur und ähneln eher der Masse einer Brühwurst. Sie schmecken süßlich und sind zu stark gekocht. Sie weisen einen „gummiartigen“ Biss auf und enthalten Stärke, Gelier- und Verdickungsmittel. Schon der niedrigere Preis sollte den Verbraucher skeptisch und misstrauisch werden lassen. Wenn Verbraucher derartige Schinken-Imitate in Restaurants oder Pizzerien serviert bekommen, sollten sie diese zurückweisen, riet die Verbraucherzentrale Hessen. Inzwischen sind auch tiefgekühlte Fertig-Pizzen aus Supermärkten in Verdacht geraten und sollten genau vom Verbraucher vor dem Verzehr kontrolliert werden.

Susanne Umbach von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz empfiehlt daher, um den „Schummel-Schinken“ und ähnliche Ersatzprodukte möglichst einen großen Bogen zu machen. Gesundheitsschädlich sollen die Kunst-Produkte zwar nicht sein, doch zu viel davon sollte man lieber nicht verzehren. „Im Gegensatz zur Originalware sind z.B. nachgemachte (zusammengesetzte) Schinken und Analog-Käse-Sorten stärker verarbeitet und haben überdies einen hohen Anteil an Zusatzstoffen. Als gesundheitsbewusster Verbraucher sollte man jedoch darauf achten, nicht zu viele Zusatzstoffe über Lebensmittel zu sich zu nehmen. Aus gesundheitlicher Sicht ist der Genuss von diesen Nahrungsmitteln deswegen nicht zu empfehlen.“ Sie empfahl darüber hinaus, beim Einkauf insbesondere im Supermarkt, verstärkt auf die genaue Kennzeichnung der Lebensmittel und Zutatenliste zu achten.

Die Herkunft des Schinken-Imitats

Bisher wurde der in Deutschland angebotene und verarbeitete Schinkenersatz vorwiegend im europäischen Ausland hergestellt, doch inzwischen haben auch deutsche Hersteller, die offensichtlich ein gutes und zusätzliches Geschäft wittern, die Produktion aufgenommen. Doch laut Überwachungsämtern kennzeichnen auch die deutschen Hersteller vielfach ihre Ware nur in Ausnahmefällen korrekt. Das Bayerische Landesamt weist darauf hin, dass sich der Fleischanteil der Schinken-Imitate bzw. der Ersatzprodukte aus dem Ausland früher nicht so stark von echtem Schinken und Formschinken unterschieden habe wie derzeit. Der durchschnittliche Fleischanteil bei ausländischen Erzeugnissen sank demnach seit 1993 von rund 83 Prozent auf maximal 57 Prozent. Die deshalb erfolgte Beanstandungsquote des Bayerischen Landesamtes für Schinkenersatz aus dem europäischen Ausland lag bei 100 Prozent! Offensichtlich zwingt der starke Preisdruck, der namentlich durch die Supermärkte und Discounter auf die Hersteller ausgeübt wird, diese zunehmend zu derartigen Betrugsversuchen.

Da die Kontrolle derartiger Verstöße gegen die Kennzeichnungspflicht Ländesache ist, werden Lebensmittelüberwachungen durch die Landesämter für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit durchgeführt. In Bayern stellte dieses Amt bei Kontrollen im Jahre 2008 bei 78 Produkten fest, dass zwar alle Proben als Schinken gekennzeichnet waren, jedoch waren davon 30 Produkte Schinken-Imitate, die sämtlich aus dem Ausland kamen, 23 allein aus Belgien. Verbraucherschützer kritisieren seit langer Zeit, dass trotz gesetzlicher Vorschriften die Vollzugsbehörden nach wie vor ihre Untersuchungsergebnisse nicht veröffentlichen und dass derartige eindeutige Verstöße gegen das Lebensmittelrecht nicht konsequent geahndet würden, zum Nachteil der immer wieder getäuschten  Verbraucher. Sie kritisieren überdies, dass noch immer viel zu selten Kontrollen ausübt werden und dadurch viele Schwarze Schafe munter ihre Betrügereien weiterführen können. Insbesondere die  Verbraucherschutzorganisation „foodwatch“ setzt sich seit längerem für die Offenlegung derartiger Ergebnisse ein, bisher jedoch vergeblich.

Verbraucherministerin Aigner ist gegen Schinken- und Käse-Imitate

Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) hat sich nach Bekanntwerden der Betrugsversuche in großem Stil jetzt gegen die Verwendung von Schinken- und Käseimitaten ausgesprochen. „Da, wo Schinken oder Käse draufsteht, muss auch (echter) Schinken oder (echter) Käse drin sein“, sagte Aigner im Juli in Berlin. „Es sollte eine freiwillige Selbstverpflichtung der Gastronomie geben, solche Produkte nicht mehr anzubieten.“ Sie warnte die Wirtschaft vor negativen Folgen. „Wenn sich das einmal einschleicht, hat man auch einen Ruf zu verlieren. Der alleinige Preiskampf vermindert deutlich die Qualität der Lebensmittel.“ Wenn Imitate angeboten würden, vor allem bei loser Ware, müsse dies klar und deutlich gekennzeichnet sein. Das Schinken-Imitat bringt dem Verkäufer pro Pizza angeblich mindestens 25 Cent Mehrgewinn. In den vergangenen Monaten gab es schon massive Kritik an den Käse-Imitaten, den sogenannten Analog-Käseprodukten, das ist ein Gemisch aus Wasser, Pflanzenfetten, Milcheiweiß, Stärke, diversen Aromen, Geschmacksverstärkern und Farbstoffen. Der Verkauf des falschen Käses soll angeblich etwa 40 Prozent mehr Gewinn gegenüber dem Original einbringen.

Verbraucherschützer bezweifeln indes, dass eine „freiwillige Selbstverpflichtung der Gastronomie, solche Produkte nicht mehr anzubieten“, wie von der Ministerin angeregt, irgendwelche Erfolge aufweisen werden. Nur flächendeckende permanente Kontrollen und strenge Ahndungen der Verstöße würden den Missbrauch erfolgreich einschränken.

Gegenaktionen

Österreich wird wegen der Verwendung von Käse- und Schinken-Imitaten gemeinsam mit Deutschland eine Initiative in Brüssel ergreifen, um in Zukunft durch eine klare Kennzeichnung solcher neuartigen Produkte die Täuschung der KonsumentInnen zu verhindern. „Nachdem in den letzten Wochen minderwertige Pizzabeläge statt Käse im Gespräch waren und jetzt statt Schinken offensichtlich aus Kostengründen billige Imitate eingesetzt werden, ohne dass dies für die Konsumenten und Konsumentinnen klar ersichtlich ist, muss man im Sinne des Konsumentenschutzes klar festhalten: Jetzt reicht es!  Es ist nicht hinzunehmen, dass durch Lebensmitteltechnologie gute bäuerliche Produkte verdrängt werden und der Konsument es in der Regel gar nicht mitbekommt“, erklärte der österreichische Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich zu den Meldungen über „falschen“ Schinken und „Kunstfleisch. „Österreich geht im Interesse der KonsumentInnen einen Weg der naturnahen Landwirtschaft und produziert qualitativ hochwertige Lebensmittel, auf die der Konsument vertrauen kann. Wir investieren im Interesse der KonsumentInnen viel in Qualität, Kontrollen und Gütesiegel. Diese Strategie dürfen wir uns nicht durch industrielle  Produktionsmethoden kaputt machen lassen, durch die die Konsumenten verunsichert werden. Die Antwort kann nur eine klare und eindeutige Kennzeichnung und ein Bekenntnis zu ehrlichen, regionalen und qualitativ hochwertigen Lebensmitteln sein“, schloss Berlakovich. (Quelle: Lebensministerium Österreich).  Dem kann und muss man sich als Verbraucher nur anschließen.


Links:  (Auswahl)

http://derstandard.at/fs/1246541572972/Nach-Kaeseimitat-nun-Wirbel-um-falschen-Schinken 

http://www.bz-berlin.de/ratgeber/unser-essen-wird-immer-kuenstlicher-article513138.html

http://www.badische-zeitung.de/nachrichten/wirtschaft/schummel-shrimps-gibt-es-auch-in-suedbaden--16879461.html

http://www.gesundheitpro.de/Ernaehrung-Wirte-verwenden-immer-Ernaehrung-A090706VOVAP117303.html