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Miteinander reden 



Vom Wunder der Sprache
und des Sprechens 


                                       


von Hans Harress 

Verfasst  2004

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"Was ist herrlicher als Gold?", fragte der König.
"Das Licht", antwortete die Schlange.
"Was ist erquicklicher als Licht?", fragte jener.
"Das Gespräch", antwortete diese
.

         (Aus Goethes Märchen - Die grüne Schlange)



 

Der Mensch ist das einzige unter unendlich vielen Wesen auf der Erde, das die besondere Fähigkeit hat, sprechen zu können und das mit anderen Menschen durch Sprache oder/und Gesang (auch Gesten) in allen Variationen kommunizieren kann. Wir können daher zu Recht vom Wunder der Sprache reden. So war es, wie es die Bibel beschreibt, bekanntlich Adam und Eva vorbehalten, im Paradiesesgarten den Pflanzen, Tieren und Dingen ihre Namen zu geben, sie zu benennen, da nur sie ihn (aus)sprechen konnten. In manchen Legenden spricht man Engeln diese Fähigkeit ab!

Jeder neugeborene Mensch muss als Baby und Kleinkind zunächst das Sprechen über einen längeren Zeitraum erst erlernen, er kann es nicht von Geburt an. Aus Erfahrung wissen wir, dass es etwa zwei bis drei Jahre dauert, bis Kinder sich einigermaßen sicher und grammatikalisch richtig ausdrücken können und dann aber bereits schon über einen erstaunlich großen Wortschatz verfügen, sprachgewandte und sprechaktive menschliche Vorbilder sind allerdings die Voraussetzung. Die Sprache und das Sprechen lernen die Kinder durch bloßes Zuhören und vielfältig wiederholte Nachahmungsversuche, und da sie natürlicherweise die Sprache in der Regel vor allem von der Mutter hören, hat sich der Begriff  Muttersprache  gebildet. Zusammen mit dem Sprechen lernen bildet sich nach und nach das Denken aus, das Gehirn bekommt dadurch seine ersten typischen gewundenen Strukturen, die sich im fortschreitenden Leben immer markanter plastisch strukturieren und ausgestalten. Auch aus diesem Grund ist das möglichst frühe, richtige und intensive Sprechen können sehr wichtig für eine gute geistige Entwicklung des neuen Erdenbürgers.

Die Vielfalt und Lebendigkeit der Sprachen 

Es kann immer wieder erstaunen, welch übergroße Vielfalt und vielfältigen Variationsreichtum es an unterschiedlichen Sprachen und Dialekten in aller Welt gibt. Die große Lebendigkeit von Sprachen drückt sich auch dadurch aus, dass nach wie vor ständig neue Wörter und Begriffe in den einzelnen Völkern und Sprachgruppen geschaffen werden. Selbst in unserem eigenen Land Deutschland gibt es neben der (deutschen) Muttersprache, man bezeichnet sie auch als Hochsprache, zahllose Dialekte mit oftmals ganz individuellen lokalen Begriffen und Ausdrücken, von der unterschiedlichen Klangfärbung und Lautmalerei ganz abgesehen. Wer einen Dialekt beherrscht und spricht, weiß, dass man mit dieser besonderen Sprache manche Gefühle, Situationen, Gegenstände oder Gedanken vielfach intimer und genauer ausdrücken kann als es mit der offiziellen hochdeutschen Amtssprache möglich ist. Welchen Gebrauch der Mensch von seiner Sprache macht, wie er sie handhabt und gebraucht, hängt vor allem von der jeweiligen besonderen Lebens- und Familiensituation und seinem persönlichen Schicksal ab. Der „Dichterfürst“ Johann Wolfgang von Goethe verfügte über einen aktiven Wortschatz, wie Wissenschaftler aus seinem Werk herausgelesen und analysiert  haben, von ca. 50.000 (verschiedenen) Wörtern und Begriffen, ein Hafenarbeiter im Londoner Hafen, auch das wurde einmal genau ermittelt, begnügt sich mit ca. 400 bis 500 Worten und kann sich damit in seinem unmittelbaren Lebensraum und seiner Umwelt durchaus verständlich machen.

Kleine Kinder sind die wohl begabtesten Erlerner von Sprachen; so schnell, so perfekt und vor allem so akzentfrei wie im jungen Kindesalter lernt in der Regel der Mensch nie mehr eine Sprache. Kinder sind sogar in der Lage, in ihren ersten Lebensjahren zwei oder sogar drei Sprachen erstaunlich perfekt zu erlernen, wie es u.a. das Beispiel der mehrsprachigen Schweiz zeigt. Neben der Sprache der Mutter lernen manche Kinder, wenn z.B. auf der Straße eine andere Sprache als zu Hause gesprochen wird, von Spielkameraden und/oder im Kindergarten/Kita ziemlich rasch eine zweite Sprache, und wenn Vater und Mutter unterschiedliche Sprachen sprechen und sich mit ihrem Kind in ihrer jeweiligen Muttersprache unterhalten, möglicherweise auch noch eine dritte. Wenn dagegen Schülerinnen und Schüler ab der fünften Klasse ihren ersten Fremdsprachenunterricht erhalten, in der Regel sind das bei uns in Deutschland Englisch oder Französisch, und zwei, drei Jahre später eine weitere Fremdsprache hinzu kommt, fällt es ihnen oftmals schon sehr viel schwerer, diese Sprachen aufzunehmen und sie zu erlernen und Wortschatz und Grammatikanwendungen ständig zu erweitern und richtig anzuwenden. Will man erst später als Erwachsener, aus welchen Gründen auch immer, eine weitere Fremdsprache neu erlernen, so fällt das vielen Menschen desto schwerer je älter sie sind. Außerdem werden sie es kaum noch schaffen, diese neue Sprache einigermaßen akzentfrei zu sprechen, die Strukturen und Formung des Kehlkopfes, der die Aussprache und das Timbre des gesprochenen Wortes wesentlich beeinflusst, sind bereits zu stark geprägt und ausgewachsen, um sich dem Wesen und Klang einer fremden Sprache und ihrer besonderen Aussprache noch anzupassen. Bei kleinen Kindern, die zwei oder drei Sprachen erlernen sollen, muss man allerdings darauf achten, dass sie sich zunächst in einer Sprache einigermaßen sicher ausdrücken können, bevor eine zweite oder dritte Sprache hinzukommt, da es sonst im Gehirn zu Überschneidungen und somit zu gewissen Verwirrungen kommen kann. U.a. an Waldorfschulen werden bekanntlich mit Erfolg bereits ab der ersten Klasse zwei Fremdsprachen gelehrt, die die Kinder zunächst leicht und locker spielerisch, singend und rezitierend aufnehmen. Diese Praxis wird seit neuestem als Versuch auch von einigen Regelschulen in zunächst einer Fremdsprache durchgeführt, hin und wieder sogar in einigen Kindergärten.

Von Vorbildern lernen 

Der Mensch ist seinem ganzen Wesen und Verhalten nach dazu veranlagt, sein Wissen, sein Können, aber auch sein soziales Verhalten in der Gemeinschaft, seine Sitten, Gebräuche sowie seine Kultur schon als Kind von anderen Menschen, man sagt von seinen Vorbildern zu übernehmen vor allem durch Beobachtung und Nachahmung, durch Lern- und Denkprozesse, durch Erziehung, Einsicht und Lebensnotwendigkeit. Und alles das, was er von seinen Mitmenschen, seiner Umgebung, aber auch von der Natur insbesondere in seiner Kindheit und Jugendzeit, wir sprechen von den Lehr- und Lernjahren, aufnimmt und erfährt, was ihn schließlich zu seiner Persönlichkeit werden lässt, gibt er später als erwachsener, älterer Mensch wieder an die Gesellschaft zurück, angereichert und erweitert durch seine persönlichen Erfahrungen und vielfältigen Kenntnisse. Das Mittel für das Aufnehmen und Weiterreichen von Wissen, Kenntnissen und Erfahrungen ist in erster Linie das Gespräch, ist die Unterrichtung, die Unterhaltung, das miteinander Sprechen, ist die Aussprache, die Diskussion, die Erörterung, ist der verbale Gedankenaustausch. Gedanken lassen sich natürlich auch in schriftlicher Form fixieren und auf diese Weise (einseitig) weitergeben, in dieser Form sind allerdings spontane sofortige Rückfragen oder Einwände nur erschwert möglich.

Die Fähigkeit des Zuhören-Könnens 

Die Bereitschaft zum Gespräch, zum gedanklichen Austausch, ja selbst die Fähigkeit zum (konzentrierten) Zuhören als Voraussetzung für ein förderliches Gespräch ist den Menschen jedoch, insbesondere in unserer westlich geprägten zivilisierten Welt, wie man täglich allenthalben beobachten oder auch persönlich erleben kann, mehr und mehr abhanden gekommen. Die Menschen „schweigen“ sich zunehmend an oder sie reden vielfach aneinander oberflächlich vorbei, zunehmend selbst in Ehegemeinschaften bzw. Partnerschaften und Familien, ein Umstand, der zwangsläufig immer wieder zu Missverständnissen und sogar zu persönlichen Angriffen und Aggressionen führen kann. Wir sprechen von einer zunehmenden allgemeinen Vereinsamung der Seelen, von einer wachsenden Unfähigkeit der Menschen, persönliche Kontakte mit anderen Menschen zu knüpfen oder sie aufrecht zu erhalten, sich mit ihnen, wo erforderlich oder geboten, auszusprechen und zu kommunizieren. Diese Tatsache hat u.a. zunehmend zur Folge, dass aus diesen und anderen Gründen immer mehr Ehe- und Partnergemeinschaften scheitern (müssen). In Deutschland werden bereits mehr als 30 Prozent aller Ehen wieder geschieden, in Großstädten sollen es bereits um die 50 Prozent sein, oftmals findet die Trennung schon nach wenigen Jahren des Zusammenlebens statt. Darüber berichten regelmäßig Eheberatungsstellen und Psychologen, sowie auch die unterschiedlichen Medien, denen sich immer mehr Menschen in ihrer Not und Verzweiflung anvertrauen, um dort Hilfe und Rat zu suchen. Auch Kinder, die oftmals keinen wirklich interessierten Gesprächspartner in ihrer Umgebung finden, immer häufiger sogar die eigenen Eltern eingeschlossen, ziehen sich verstärkt vom gemeinsamen Familienleben zurück und beschäftigen sich stattdessen lieber mit ihrem Computer oder Gameboy, ihrer Stereo- oder Videoanlage, vor allem aber mit dem Fernsehen und zunehmend mit dem Internet, ihrem Handy bzw. Smartphone. Dadurch aber werden sie immer tiefer in ihre (seelische) Vereinsamung und insbesondere in eine neue Art von Sprachlosigkeit geführt. Davon ist als eine weitere Folge besonders auch der Unterricht in den Schulen betroffen, die Lehrer/Innen vermögen die sprachlichen Defizite, die tief sitzende „Sprachlosigkeit“ bei ihren Schüler/Innen kaum auszugleichen.

Eheberater erfahren immer wieder, dass entweder einer der beiden Partner, in der Mehrzahl handelt es sich nach ihren Aussagen um die Ehemänner, oder auch beide nicht willens oder nicht in der Lage sind, klärende und versöhnende Gespräche und Aussprachen miteinander zu führen, meist weil sie es vermutlich nirgendwo gelernt und/oder erübt haben, auch wenn oftmals andere Gründe vorgeschoben werden. Man schweigt stattdessen - beleidigt, enttäuscht, frustriert... -  oder man schreit sich mangels Toleranz an und führt schließlich einen unerquicklichen „Ehekrieg“, der nicht selten früher oder später zur Ehescheidung führt. Schweigen wie Anschreien allerdings führen zu keinerlei Klärung oder gar Lösung eines Problems oder zum Verständnis des Partners.

Die schweigsame Gesellschaft

Warum aber werden so selten oder heutzutage meist keine klärenden und helfenden Aussprachen und klärende Gespräche geführt? Lassen sich Gründe für diese wenig sozial zu nennende Entwicklung finden? Es hat sich gezeigt, dass zahlreiche Umstände und Gegebenheiten in der heutigen „modernen“ Lebens- und Arbeitswelt und in der Gesellschaft dazu beitragen, dass die Menschen, namentlich in den Großstädten - und dort vor allem in den riesigen Wohnanlagen (Wohnsilos/Gettos) - immer weniger in der Lage sind, ihre Probleme, Fragen, Anliegen, Gefühle, Ängste, seelischen Bedürfnisse und Unsicherheiten, selbst ihre mitmenschliche Bereitschaft, anderen Menschen helfen zu wollen, offen zu äußern oder mitzuteilen. Sie schweigen lieber, sehen weg und leben mehr und mehr zurückgezogen, viele von ihnen immer häufiger solo als Single. Es wurde mehrfach von Fällen berichtet, dass ein allein lebender Mensch wochen- oder sogar monatelang in seiner Wohnung tot lag und keiner von den zahlreichen Nachbarn im gleichen Haus etwas bemerkt hat. Auch die Tendenz unter den Menschen, sich zurückgezogen und vorwiegend still und passiv zu verhalten, hat stark zugenommen, ebenso wächst die Zahl derer, die schließlich depressiv werden, unter ihnen befinden sich sogar immer mehr Kinder und Jugendliche. Eine weitere Folge dieser Entwicklung ist nicht nur die zunehmende Zahl von Selbstmorden bzw. Selbstmordversuchen, auch schon unter Kindern und Jugendlichen, sondern vor allem der rasche bzw. verzweifelte retten sollende Griff zu weichen und harten Drogen aller Art, insbesondere zum Alkohol, mit den bekannten verheerenden psychischen und physischen Schäden.

Die Situation in den Familien

Es lässt sich beobachten, dass bereits bei der Erziehung der Kinder heute in immer mehr Familien, vermutlich aus Unwissenheit oder auch aus einer gewissen Bequemlichkeit es oftmals versäumt wird, die erforderlichen Voraussetzungen zu schaffen, dass die Kinder in deren weiterer Zukunft einmal in der Lage sein werden, sozial und kommunikativ und möglichst verträglich mit ihren Mitmenschen umgehen und auskommen zu können. Es zeichnet sich namentlich in westlich geprägten so genannten modernen Kulturen und Zivilisationen immer stärker die Tendenz zu einem mehr und mehr egoistischen und egozentrischen Verhalten sogar innerhalb von Familien und Lebensgemeinschaften ab. Man lebt nach dem Motto - zuerst komme ich und dann irgendwann eventuell auch andere Menschen -, ein Verhalten, das wir insbesondere aus der Tierwelt sehr gut kennen. Hier hat es allerdings seinen tiefen weisheitsvollen Sinn und zwar den der Arterhaltung und des Überlebens durch den jeweils Stärksten und Mächtigsten auf Dauer. Auch unsere Schulen tragen wenig bzw. oftmals überhaupt nichts zu einem sozial verträglichen Verhalten der Kinder untereinander bei, obwohl sich hier in den Klassengemeinschaften im jahrelangen Miteinander die vielfältigsten und besten Gelegenheiten dazu bieten. Im Gegenteil: Der ständige Zwang, ein möglichst gutes Zeugnis durch beste Ergebnisse in Klassenarbeiten erlangen zu müssen, um dadurch im späteren Leben Vorteile gegenüber anderen zu erlangen, fördert zwangsweise den Egoismus, die Eigensucht und das Konkurrenzdenken- und Handeln.

Miteinander reden und zuhören

Die zahlreichen Möglichkeiten, die insbesondere die Kirchen einstmals übernommen hatten, einen erzieherischen Einfluss auf Kinder, Jugendliche und Familien zu nehmen im Hinblick auf Moralität, Mitmenschlichkeit und soziales Verhalten, hat aus unterschiedlichen Gründen stark abgenommen oder diese Versuche werden den Kirchen und ihren Mitarbeiter/Innen immer weniger abgenommen, wenn überhaupt noch. Ein solches soziales und gesellschaftliches Leben, Verhalten und Vermögen erlernt das Kind in erster Linie durch die Sprache, d.h. das Sprechen können und Kommunizieren wollen mit anderen Menschen. Es ist daher eine der wichtigen und wesentlichen Erziehungsaufgaben und Erfordernisse der Eltern, aber auch der Gesellschaft und vor allem der Schule, möglichst viel und oft mit dem Kind bzw. den Kindern zu reden, insbesondere aber die Kinder erzählen und fragen zu lassen in einer freilassenden, ungezwungenen und vor allem angstfreien lebendigen Art. Dazu gibt es täglich vielfältige Möglichkeiten. Ständiger (lautstarker) Radio- bzw. Kassetten/CD/Video/Handy/Smartphone-Betrieb oder das permanent eingeschaltete laut tönende Fernseh- oder Radiogerät (im Hintergrund) sollten dabei nicht die geistige Präsenz stören und (unbewusst) die Familienmitglieder in ihrer Konzentration und Aufmerksamkeit beeinträchtigen. Stille fördert ungemein die Gedankenproduktion, Mediengeräusche ver- und behindern sie stark.

Es empfiehlt sich zu berücksichtigen und zu bedenken, dass ein Gespräch mit den Kindern bzw. dem Kind oder Jugendlichen nur dann wirklich in die Tiefe gehen und gute, positive Wirkungen herbeiführen kann, wenn es vom Erwachsenen sehr bewusst und mit möglichst großer Konzentration, d.h. mit wirklicher innerer Anteilnahme und wahrem Interesse geführt wird. Das Kind ist im Gespräch, wenn es sich ernst und gleichwertig genommen fühlt, in der Regel immer voll und ganz bei der Sache. Es merkt bei solchen Gesprächen allerdings sehr schnell und sicher, ob es vom Gegenüber als vollwertig und vor allem ernst genommen wird oder ob sein Gegenüber mehr oder weniger geistig abwesend, gelangweilt und/oder unkonzentriert ist. Solche Gespräche können ernsten, sollten aber natürlich immer auch wieder heiteren Charakter haben. Leider werden von Erwachsenen im kommunikativen Umgang mit Kindern oftmals auch manche „Fehler“ gemacht, die eine Reihe von nicht erwünschten negativen Folgen bewirken können. Einige bekannte Beispiel mögen das verdeutlichen.

Störfaktoren

Nicht selten läuft und „dudelt“ in zahlreichen Familien im Hintergrund fast ununterbrochen entweder das Radio oder der Fernseher, oftmals gedankenlos, zum Beispiel als Geräuschkulisse, zur Gedankenablenkung oder zur Stimmungsaufhellung. In einer solchen Atmosphäre können sich Kinder, die bekanntlich sehr viel geräuschempfindlicher sind als Erwachsene, nicht mehr voll und ganz auf die Inhalte, Gedanken und Nuancen der geführten Gespräche konzentrieren, wenn diese überhaupt noch geführt werden, ihre Aufmerksamkeit ist abgelenkt, das Wachbewusstsein gestört und beeinflusst, denn man kann schlecht zwei Herren zugleich dienen. Viel schlimmer noch, die Kinder werden auf diese Weise bereits im frühen, sie besonders prägenden Alter regelrecht zum Weghören bzw. zum Überhören angeleitet und „erzogen“ und sie gewöhnen sich daran, das Gesprochene, Mitgeteilte, Gesungene, Gespielte oder Informierende nicht mehr bewusst und wach wahrzunehmen, denn sie können unmöglich die vielen Eindrücke, denen sie oftmals ununterbrochen ausgesetzt sind, sämtlich wachbewusst aufnehmen und geistig verarbeiten, ihr Wachbewusstsein schaltet ab und sie gewöhnen sich sogar das Überhören von Informationen an. Lehrer/Innen in Schulen kennen diese Situation zur Genüge. Starke nervöse Störungen, mangelndes Konzentrationsvermögen und anderes auffälliges Verhalten sind nicht selten das Ergebnis eines solchen Lebensstils. Als Erwachsene setzen sie diesen Lebensstil oftmals fort und übertragen ihn (unbewusst) später auf ihre eigenen Kinder. Ratlose (und unwissende) Eltern verabreichen nicht selten ihren zur Nervosität geführten Kinder besondere „Beruhigungstabletten“ und richten dadurch (ungewollt) weiteren nicht unerheblichen Schaden an.

Die Wirkungen von Medien

Noch katastrophaler wirkt sich auf ein positives soziales Verhalten der Kinder ein zu großer oder schlimmer noch ein ständiger Konsum von Fernseh-/Videosendungen und Videospielen etc. aus, immer stärker neuerdings auch der ständige Gebrauch von Handys/Smartphones, von vielfach ausgesprochen für sie ungeeigneten Fernsehsendungen unbd Filmen ganz abgesehen, darüber sind sich die Medienforscher, Kinderärzte, Soziologen, Lehrer und Psychologen absolut einig und warnen schon seit Jahrzehnten vor den negativen psychischen und physischen Folgen, wie die Praxis und das tägliche Leben ständig beweisen. Wer sich selbst oder auch seine Familienmitglieder einmal beim (intensiven) Fernsehen wachbewusst beobachtet hat, kann leicht feststellen und erfahren, dass der Fernsehvorgang den nahezu absoluten Tod jeglicher Kommunikation bewirkt. Er verhindert, bei genauer Beobachtung der Vorgänge, nahezu vollkommen die aktive, wachbewusste Tätigkeit eigener menschlicher Gedankenbildung, eine Fähigkeit, die nur der Mensch haben kann. Das Fernsehen reizt die - in diesem Fall - automatisch ablaufende Denktätigkeit lediglich entweder zur positiven, d.h. zustimmenden oder zur negativen, d.h. ablehnenden Kritik und Meinung über die jeweilige Sendung bzw. deren Inhalte und/oder Teile aus ihr. Es findet also nur noch eine Denk- bzw. Gedankenreaktion auf vorgesetzte Filme, Diskussionen, Reportagen, Shows etc. statt, jedoch kaum ein eigener kreativer, schöpferischer Denkvorgang, zu dem ausschließlich Menschen veranlagt sind. Nicht umsonst unterstellt man schon immer dem Fernsehen gewisse magische den Menschen beeinflussende Eigenschaften. Diese unbewusste (Fremd)-Bildung von Meinungen, Stimmungen und Denkhaltungen nutzen bekanntlich insbesondere Politiker und Werbefachleute im Fernsehen für sich, ihre Meinungen und ihre Waren oder/und gegen ihre Gegner aus. Ferner unterbindet bzw. verbietet das Fernsehen in der Regel (tiefere) Gespräche jeglicher Art während des Zuschauens, weil ja der Ablauf eines (spannenden, unterhaltenden oder informierenden) Films etc. verfolgt und akustisch verstanden werden will. Das wiederum belastet die Kinder zusätzlich, die oftmals spontan und kindgemäß reagieren wollen, um Beobachtungen mitzuteilen oder Fragen zu stellen oder auch Freude und Anteilnahme kundzutun usw. Stattdessen hören sie: „Schweigt, stört nicht, seid still!“

Auf diese Weise werden Kinder nicht selten zu Schweigern, Unterdrückten und Unzufriedenen erzogen und irgendwann haben sie sich an diesen sie prägenden Zustand gewöhnt mit Folgen wie oben dargestellt. Ein weiterer Grund kommt hinzu. Damit Eltern selbst möglichst ungestört fernsehen können, es ist bekanntlich seit langem schon die liebste aller Freizeitgestaltungen, besorgen sie ihrem Kind/ihren Kindern jeweils einen eigenen Fernseher für deren eigenes Zimmer und nicht selten werden dann diese Kinder zu typischen Dauerfernsehkonsumenten, da Fernsehen bekanntlich sogar süchtig nach immer mehr machen kann. Ihre Denkstrukturen und Denkinhalte werden, wie geschildert, schon frühzeitig in vorgegebene bzw. vorgeplante Bahnen gelenkt, das Bewusstsein ist gebannt und fixiert auf das Geschehen im Fernsehen, Sprache und Sprechen versiegen beobachtbar bei ihnen immer mehr. Man wird leicht an George Orwells Roman - 1984 - erinnert. Die intensive Beschäftigung mit Computern, Computerspielen, Gameboy, Internet, Handy, Smartphone usw. vertieft darüber hinaus diese Haltung und Prägung immer weiter. Gemeint sind insbesondere solche Kinder und Familien, die sich oftmals viele Stunden täglich von den Medien (passiv) bedienen, d.h. berieseln und beeinflussen lassen. Psychologen und Kinderärzte wissen aus Erfahrung, dass viele Inhalte und die Art der Präsentation von Filmen und Filmszenen im Fernsehen, d.h. die ständig rasch wechselnden Bildszenen (Schnitte von jeweils wenigen Sekunden) und die für Kinder ungewohnten Perspektiven in der ungeschützten Kinderseele, selbst im Schlaf noch, vielfältige Wirkungen und Verwirrungen ausüben und sich äußerst negativ auf die Kinder und ihre Seelen auswirken können, insbesondere nach vollkommen ungeeigneten Sendungen wie brutalen Krimis, Horror- und Kriegsfilmen und ähnlichen Inhalten. Lehrer/Innen und Kindergärtner/innen bestätigen, dass die „typischen“ (Dauer) Fernseh- und Medienkinder nur wenig oder keine schöpferischen Fantasiekräfte entwickelt haben und oft über einen auffällig geringen Wortschatz verfügen und auffällig große Kontaktschwierigkeit haben. Weniger Medienkonsum bedeutet hier ein Mehr an Lebensqualität für das Kind, insbesondere für seine Zukunft! Dass unsere Gesellschaft sich zunehmend zu einer Single-Gesellschaft entwickelt, hat vermutlich die hier geschilderten Gründen.

Die Aufgabe der Schule 

Im gleichen Maße, wie heute oftmals im häuslichen Bereich verhindert wird, dass Kinder vielfach ungehindert „von der Leber weg“ frei reden, erzählen und fragen dürfen, dass sie auch immer weniger zum aufmerksamen Beobachten und zum lebendigen fantasievollen Denken und praktischen Handeln angeregt und angeleitet werden, verhindert vielfach auch das öffentliche Schul- und Ausbildungswesen, von der ersten Klasse der Grundschule an bis zum Schlusssemester der Universität, weitgehend die Bildung der Fähigkeit, menschlich frei und ungezwungen kommunizieren zu können. Ist es nicht vielfach noch immer die Regel, dass die Schüler/Innen und die Mehrzahl der Student/Innen in ihren Bildungs- bzw. Ausbildungsstätten die meiste Zeit zuhören, auswendig lernen, lesen und (ab- bzw. mit-)schreiben müssen, d.h. das zu Lernende, das vom Lehrer/Dozenten zu Übernehmende passiv aufnehmen, speichern und sortieren müssen, um es (hoffentlich) bis zur nächsten Klausur zu behalten und es danach wieder vergessen? In die Tiefe gehende Gespräche, längere lebendige Diskussionen, Auseinandersetzungen und Dispute oder auch für die Seele notwendige Abschweifungen vom Thema sind oftmals aus unterschiedlichen Gründen ebenso wenig möglich und erwünscht wie vom vorgegebenen Thema abweichende Fragen.

Daher empfinden sehr viele Schüler/Innen und Student/Innen den Unterricht, die Vorlesungen und Seminare meist als (tödlich) langweilig, unfruchtbar und unlebendig, wenn nicht gar oftmals als überflüssig und ein Grund z.B. für mehrere zigtausend Schüler/Innen, den Unterricht für längere oder kürzere Zeit regelmäßig zu schwänzen. Eine begeisterte Lernmotivation kommt daher selten auf. Als Folge entwickeln deshalb manche Schülerinnen und Schüler auch einen lebenslangen regelrechten Hass auf Schule und ihre Lehrer bzw. Lehrerinnen. Nicht wenige der Jugendlichen reagieren ihren Unmut und ihre Wut dann mit Aggressions- und Wutanfällen ab und zerstören zum Beispiel mutwillig zahlreiches Mobiliar in der Schule oder sonst wo. Der Staat bzw. die Kommunen haben große Summen aufzubringen, um solche Schäden Jahr für Jahr wieder reparieren zu lassen. Auch zahlreiche tätliche Angriffe und Überfälle auf Lehrer/Innen und Mitschüler wurden bekannt und mehren sich.

Die Welt der Erwachsenen 

Selbst auf politischer Ebene lässt sich beobachten, wie die zunehmende Unfähigkeit auch von Erwachsenen, miteinander (vernünftig) reden und diskutieren zu können, sich nachhaltig negativ auf ein Land und seine Bevölkerung auswirkt. Seit langer Zeit schon setzen viele Staaten der Erde, ob arm oder reich, naturhaft einfach oder gebildet zivilisiert, zunehmend auf eine umfangreiche militärische Aufrüstung, Überwachung und Kontrolle ihres Landes und der Bürger, d.h. man fördert und zieht Gewaltandrohungen oder sogar Gewaltausübungen und permanente Überwachung, also insbesondere Unterdrückung vor statt einer umfassenden humanistisch-moralischen (Aus)-Bildung der Bürger, insbesondere der Schüler/Innen und Student/Innen zusammen mit einer großzügigen vielfältigen Förderung von Kultur und Freiheit des Geistes. Es fehlt oftmals zunehmend vor allem die Bereitschaft zu Verhandlungen und Aussprachen der Menschen und Völker untereinander. Die jeweiligen Haushalte der Länder in aller Welt dokumentieren dieses finanzielle Missverhältnis: Für Rüstung, Rüstungsforschung, Waffen und Wehrmacht, geschickt werden sie in der Regel als „Verteidigung“ verbrämt, wird meist ein Vielfaches von dem ausgegeben, Jahr für Jahr, als was weitaus besser für notwendige Bildung und Kultur zur Verfügung gestellt wird. Man entwickelt und verbreitet mit Vorzug lieber böse, schlimme Feindbilder, als dass man sich zusammensetzt und Fragen, Konflikte und Probleme erörtert und über ein friedliches Miteinander, eine Wertschätzung anderer Menschen, Völker und Kulturen... diskutiert und verhandelt, dass man also miteinander redet und (mit)menschlich vernunftgemäß miteinander umgeht und sich gegenseitig als Mensch mit gleichen Rechten achtet, insbesondere nachdem die Religionsgemeinschaften, aus welchen Gründen auch immer, diese Aufgaben und Tätigkeiten immer mehr verloren und aufgegeben haben. Selbst im eigenen Land führen die Anhänger unterschiedlicher Parteien oftmals unablässig verbale „Kriege“ und Attacken gegeneinander, besonders wenn das Fernsehen präsent ist, und sie diffamieren sich vielfach statt notwendig vernünftige Gespräche miteinander zu führen, wobei sich bekanntlich selbst die Parteien mit dem „C“ im Namen von den anderen nicht unterscheiden. Das ist wahrlich kein gutes Beispiel für Kinder und Jugendliche! Diese Praxis führte inzwischen u.a. dazu, dass die führenden Politiker, Wirtschaftsführer, Funktionäre oder Religionsrepräsentanten rund um die Uhr besonders aufwändig geschützt werden müssen wie zunehmend auch zahlreiche Großveranstaltungen und dass darüber hinaus eine zunehmende Überwachung möglichst vieler Menschen inzwischen stattfindet. Hier werden permanent Ängste erzeugt, die sich negativ auf ein positives soziales Miteinander auswirken. Die Bereitschaft zu klärenden Gesprächen und verbalen oder auch versöhnenden Auseinandersetzungen hat stark abgenommen. Aggressive sprachlose Radikalität und zerstörerische Aktivität haben dagegen auffällig zugenommen, wie z.B. auch der zunehmende Terrorismus beweist, der statt Sprache und Verhandlungen vielfach Bomben verwendet. Wohl auch deshalb passen sich immer mehr Fernsehanstalten dieser Entwicklung an und senden Tag für Tag oft mehrere brutale Krimi- und/oder Horrorfilme zu allen Tages- und Nachtzeiten.

Reden und kommunizieren lernen 

Es liegt auf der Hand, dass klärende Gespräche, dass Toleranz und Aussprachen viel Heilsames bewirken und sogar Gewalt und Missverständnisse verhindern können. Das miteinander tolerante Reden- und Zuhören können und -wollen muss allerdings bereits in der Kindheit erlernt, erübt und als sinnvoll geschätzt werden ebenso wie das Lesen, Schreiben und Rechnen etc. Wer seinen Kindern diese menschengemäße, lebensnotwendige und fördernde Fähigkeit mit auf den Lebensweg geben möchte, nämlich aufmerksam zuhören, fragen, antworten und reden zu können, muss es mit ihnen immer wieder üben und probieren, mal heiter unbeschwert, mal konzentriert und ernst.

Möglichkeiten des Übens sozialer Fähigkeiten 

Nicht nur im Reden miteinander und Aussprechen werden soziale Fähigkeiten erübt, es bieten sich auch vielfältige weitere Möglichkeiten, insbesondere in der Familie dazu an. Spielt eine Familie z.B. miteinander auf Musikinstrumenten, so ist das eine Art „musikalisches Gespräch“, in dem man ebenfalls sehr genau auf den/die anderen eingehen muss, um die gewünschte Harmonie zu erreichen. Singt man miteinander, eine heute selten gewordene Beschäftigung in Familien, so entsteht ein harmonisches „Gesangsgespräch“. Auch viele Gesellschaftsspiele oder gemeinsames Basteln, Handwerken, Wandern, Radfahren, Sporttreiben, Kuchen backen, Kochen, Natur erleben uvam. können zum guten sozialen Umgang miteinander führen, den die Kinder quasi dann spielerisch und ganz natürlich übernehmen. Dabei wird vielfach das geist- und seelentötende Fernsehen nicht vermisst!

Schulen sollten wieder vermehrt das Orchesterspielen und Chorsingen einführen sowie das Theaterspiel pflegen, wie es noch vor einigen Jahrzehnten in der Mehrzahl zahlreicher Schulen üblich und für die Kinder außerordentlich förderlich und sozial fördernd war. Das Theaterspiel bildet darüber hinaus insbesondere das klare, deutliche und auch freie Sprechen aus und kann den Darstellern die Angst vor Zuhörern und Mitmenschen nehmen. Überhaupt sollte an Schulen wesentlich intensiver das Gespräch, das miteinander Reden gepflegt und die faire, tolerante Diskussion geübt und praktiziert werden. Das motiviert die Schüler zur Mitarbeit, lässt sie lebendig am Unterricht teilnehmen und fördert vor allem die notwendigen sozialen Kontakte, sie leben in einer solchen Atmosphäre sichtbar auf und besuchen mit Freude ihre Schule. Viele Einzelheiten des Unterrichtsstoffes können sie sich auch selbst aus Lehrbüchern, aus dem Internet und aus der Fachliteratur erarbeiten, entsprechend ihrem Alter, und die Ergebnisse dann im Gespräch jeweils untereinander in der Klasse im Unterricht austauschen. Das fördert außerdem ihre Selbständigkeit und Eigeninitiative. Sie lernen dabei unter anderem das aufmerksame, interessierte Zuhören, das eventuelle sachliche Korrigieren, das mündliche Vortragen und das selbständige Arbeiten und Erarbeiten des Stoffes. Die Fähigkeit der Schüler und Schülerinnen zur fairen verbalen Auseinandersetzung in Gesprächen sollte den Lehrer/Innen und Erzieher/Innen mindestens gleich viel wert sein wie das oftmals sehr umfangreiche abfragbare Wissen, das zuvor per „Nürnberger Trichter“ zwangsweise in die Köpfe gegossen wurde und das bekanntlich vielfach rasch wieder vergessen und als „Ballast“ abgestoßen wird. Das bedeutet allerdings, dass sich die Lehrer/Innen im Unterricht, wo erforderlich, zurückzunehmen wissen und nicht die „Hauptrolle“ als „Alles wissende“ spielen wollen, dass sie also mit gutem Beispiel vorangehen. In dieser Hinsicht sollten Eltern und Lehrer/Innen bzw. die Schulbehörde Hand in Hand arbeiten.

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In seiner Sonette „Die Sprache“ lesen wir
bei Friedrich Hebbel folgende Lobpreisung:
 

„Als  höchstes  Wunder,  das  der  Geist  vollbrachte,
preis'  ich  die  Sprache,  die  er,  sonst  verloren,
in  tiefster  Einsamkeit  aus  sich  geboren,
weil  sie  allein  die  andern  möglich  machte.“

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Hans Harress