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Mein Buch 

 

S e i f e n b l a s e n

 

  von Hans Harress

 

Gedichte für Kinder 

 

aus dem Jahr 1988 ist seit langem vergriffen. 

Einzelexemplare werden hin und wieder
im Internet angeboten (google Suche)

Ein neuer (Kinderbuch)-Verlag wird gesucht... 
Vermittlungen und Vorschläge sind willkommen

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Vorwort des Verfasser

Die hier vorgelegten Gedichte sind für Kinder geschrieben worden; sie sind aus der langjährigen Praxis im Umgang mit Kindern entstanden. Es entspricht dem Wesen eines Kindes, dass es mit großer Aufgeschlossenheit und lebendigster innerer Anteilnahme die Welt um sich herum entdecken will, auf seine kindgemäße Art. Das eine Kind geht mit tatkräftigem Forscherdrang auf Entdeckungsreisen, es muss alles gleich ausprobieren, wobei manches auch zu Bruch gehen kann; ein anderes Kind verhält sich dagegen eher zaghaft und vorsichtig und lässt Ereignisse und Unbekanntes lieber auf sich zukommen, um dann zu reagieren.

   Den zahlreichen, wohlgemeinten Erklärungen der Erwachsenen, die zwar sachlich richtig sind, doch für die Auffassungsgabe des kleinen Kindes zu nüchtern und unlebendig ausfallen können, steht es dann oft nicht verstehend und infragestellend gegenüber. Seine gegenüber der Erwachsenenwelt noch vollkommen andere Art des Begreifens verhindert häufig ein Verstehenkönnen desjenigen, was die Erwachsenen  sagen und erklären bzw. wie sie es sagen.

   Die Welt und alles, was darin webt und lebt, bedeutet für Kinder ein großes Wunder und Abenteuer, wo es ständig vieles zu entdecken und zu bestaunen gibt. Ernst und Freude, Enttäuschung und Spaß, Kummer und Begeisterung wechseln dabei ab. Das Kind freut sich am bunten Falter, den es zu erhaschen versucht; es ist tieftraurig, wenn es Wegrand einen toten Vogel findet.

   Es ist für den Erwachsenen ein nicht immer ganz einfaches Unterfangen, das Kind die ihm unbekannte, geheimnisvolle Welt auf seine eigene, kindgemäße Weise entdecken zu lassen. Kinder können sehr fein und einfühlsam mit vollster innerer Anteilnahme beobachten. Sie lassen sich dabei noch nicht so leicht ablenken von den zahlreichen Nebensächlichkeiten, die dem Erwachsenen oftmals sehr bedeutsam erscheinen können; Kinder steuern meist schnell und direkt auf das Wesentliche zu, sie wollen den Hintergrund der ihnen unbekannten Welt immer besser kennenlernen. Sie müssen sich die vielen Begriffe, die dann zu ihrer Begriffs- und Vorstellungswelt werden, erst langsam schaffen und erarbeiten, das heißt im praktischen Tun erleben. Das geschieht in den ersten Lebensjahren auf wundersame Weise insbesondere immer wieder durch das Spiel, durch den spielerischen Umgang mit Dingen, Personen, Tieren, Naturgeschehen usw. Kinder erspielen sich ihre Welt. Dabei spielt die stark ausgeprägte Nachahmungsfähigkeit der Kinder eine wichtige Rolle. In einem besonderen Lebensalter tritt das bekannte fortgesetzte „Warum“-Fragen hinzu. Welche selbst geduldigsten Eltern haben nach einer Reihe von diesen „Warum?“-Fragen sich nicht schließlich hinreißen lassen zu einer kurzen „So-ist-es-eben-basta“-Antwort? Oftmals ist aber das nicht enden wollende Warum-Fragen ein Anzeichen dafür, dass das Kind noch nicht ausreichend oder überhaupt ins Bild gesetzt wurde. Es kann die Zusammenhänge einzelner Begrifflichkeiten nicht verstehen, wenn sie in den Erwachsenenerklärungen als tote, abstrakte Begriffe isoliert und aus dem lebendigen Zusammenhang gerissen dastehen. Auch wenn es dem Einzelnen nicht bewusst ist, jeder Begriff steht in einem großen Zusammenhang mit vielen anderen Begriffen, den der analytisch geschulte Verstand des Erwachsenen blitzschnell und präzise isolieren, richtig einordnen und verstehen kann. Dazu ist aber das kleine Kind noch nicht in der Lage. Man kann nur immer wieder erstaunt sein über die außerordentliche Energie und Zuversicht der Kinder, die sich nicht entmutigen lassen und unverdrossen weitererkunden.

   Das kleine Kind braucht, damit es die Welt der abstrakten, aus dem Zusammenhang isolierten Begriffe wesensgemäß verstehen und durchschauen kann, zunächst möglichst bildhafte Darstellungen, also z.B. Bilder in Form von anschaulichen Geschichten, die sich die Mutter oder Großmutter ausdenkt, auch die alten Volksmärchen sind sehr geeignet sowie Legenden und Fabeln. Es ist für das Wesen des Kindes selbstverständlich und absolut wahrhaftig, dass der Baum mit dem Vogel, die Wolke mit der Sonne, die Blume mit dem Käfer, der Mensch mit Tier und Pflanze spricht. Kinder wissen unbewusst, dass sich in diesem „vermenschlichten“ Verhalten Wesenhaftes der Begriffe ausdrückt; sie werden auf dieser Stufe ihrer Entwicklung sogar jeweils selbst zu dem, mit dem sie gerade umgehen, das heißt sie spielen Pferd und sind Pferd, sie spielen Kutscher und sind Kutscher. Im Laufe des 9. Lebensjahres treten sie aus dieser Stufe der Entwicklung heraus und schauen mit verwandeltem Bewusstsein nunmehr von außen auf die Erscheinungen. Jetzt brauchen sie andere Formen von Hilfen und Erklärungen.

   Wenn Mutter, Großmutter und Kindergärtnerinnen oder sonst jemand Märchen erzählen, haben die meisten Kinder kaum Fragen, sie sind hochzufrieden. Die Bilder eines Märchens befriedigen den Wissensdrang der Kinder vollkommen. Selbst kraftvoll veranlagte, stürmische Kinder werden nunmehr meist still und aufmerksam. Kunstmärchen, die nicht aus alten, tiefen Weisheiten der Völker schöpfen, können eine Ausnahme bilden, wie die Erfahrung zeigt. Diese Art von Märchen und Geschichten kann man den Kindern in einem späteren Alter anvertrauen. Doch außer den Märchen und Geschichten eignen sich auch Lieder und Liedtexte, Reigen, Sing- und Hüpfspiele, sowie Gedichte, Rätsel und Wortspielereien, um dem Kind spielerisch, zunächst mehr auf der Gefühlsebene und weniger mit dem Verstandesdenken, die Welt und ihre Wesen kindgemäß vertraut zu machen. Dabei ahmt das Kind, wie man weiß, alles nach, zuerst innerlich und oft dann auch gerne äußerlich. Es verlangt auch immer wieder die Wiederholung eines Märchen, eines Spiels, eines Liedes, selbst wenn es ein Märchen bereits Wort für Wort auswendig kennt. Es erlebt beim Erzählen jedes Mal wieder das bildhafte Geschehen innerlich ganz real mit, und davon zehrt und erstarkt seine Seele.

   Einen kleinen Beitrag zu einer solchen kindgemäßen Erziehung möchte die vorliegende Sammlung unterschiedlichster Gedichte, Sinnsprüche und Fabeln leisten. Sie soll aber vor allem Kindern wie Erwachsenen Freude bereiten. Kann sie darüber hinaus die Erziehenden anregen und ermutigen, Geschichten und Gedichte für die Kinder selber zu verfassen, wäre das ein glücklicher und erwünschter Umstand.

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Es folgen einige wenige Beispiele

 

Das Jahr und seine Kinder

Frühling, Sommer, Herbst und Winter
sind des Jahres liebe Kinder,
diese muntre Brüderschar
führt uns treu durchs ganze Jahr:
Frühling lässt die Erde grünen
und die ersten Blumen blühen.
In der schwülen Sommerhitze
grollen Donner, zucken Blitze.
Herbst schenkt reichen Erntesegen,
Äpfel, Birnen, Nüsse, Reben.
Winter kommt mit Frost und Schnee,
eisbedeckt sind Fluss und See.
Es begleiten diese Schar
treu und heiter durch das Jahr
Sonne, Mond und Wind und Regen,
schenken uns ein buntes Leben.

Das große Ereignis

 

Ein frecher Spatz und eine Spätzin,
das ist, klar, eine Spatzerei,
die tschilpten laut und machten Mätzchen,
es war im Wonnemonat Mai.

Sie jubelten und freuten sich
und riefen laut: „Herbei! Herbei!“
Worum es ging, das weißt du nicht?

Im Nest lag’s erste Spatzenei!

Gleich flog herbei die Nachbarin,
Frau Plusterfederzeterspatz,
und blieb, als Frau Gevatterin,
gleich für drei Tage auf ’nen Schwatz.

Und wie sie schaut aufs Ei entzückt,
und dann aufs stolze Elternpaar,
rief sie begeistert und beglückt:
„Es ist, wie süß, oh ja, oh ja,
man sieht’s sofort, ganz der Papa!“ 



Unsere schöne Welt

Schau an die Welt, wie schön sie ist,
so vielfältig gestaltet,
und über allem, was du siehst,
die Liebe Gottes waltet.
Die bunten Blüten überall
auf Bergen und im Tal
erfreuen und beglücken uns,
unendlich ihre Zahl.
Und unzählbar die Tiere auch,
die auf der Erde leben,
sie fliegen, hüpfen, schwimmen, gehn,
das ist ein muntres Leben!
Geh froh hinaus in deine Welt,
sie ist so wunderschön,
schau aufmerksam dir alles an,
es gibt so viel zu sehn.

Im Kastanienbaum  

Neulich, frühmorgens,
es war Anfang Mai,
da kam ich an einer
Kastanie vorbei.
Ich lauschte und schaute
hinauf in den Baum,
was ich da erlebte,
es war wie ein Traum.

Es brummelt und prustet
und schrummelt und pustet
und kribbelt und krabbelt
und schnibbelt und schnabbelt.
Es schwirret und haspelt
und sirret und raspelt
und purzelt und holpert
und schnurzelt und stolpert
hinauf und hinab,
baumauf und baumab.

Das war ein Gebrause
und Blättergeschmause!
Und welch ein Gewirre
und lautes Geschwirre!
Ein Schieben und Hasten
und Stieben und Tasten
und Necken und Hangeln
und Schmecken und Rangeln.
Ein Fühlen und Riechen
und Wühlen und Kriechen
und Nagen und Brummen
und Zagen und Summen.

Ein Baumeln und Beißen
und Taumeln und Reißen
und Stopfen und Schmatzen
und Klopfen und Kratzen.
Ein Hin und ein Her
im Blätterdachmeer.
 

Schon kamen die Buben
und Mädchen aus Stuben,
die Käfer zu fangen
mit Stöcken und Stangen.
Sie klettern und rütteln
und wettern und schütteln
und reißen und rucken
und schmeißen und gucken.
Sie klauben und greifen
und rauben und pfeifen
und ringen und rufen
und springen und suchen.

Sie stecken und hüten
die Käfer in Tüten

und schrein laut: „Hurra!“

denn pünktlich im Mai
warn die Maikäfer da.


Wurzelmann und Wurzelfrau

Wurzelmann und Wurzelfrau
tanzen Ringelreih'n
auf der bunten Wiesenau
Hand in Hand zu zwei'n.
Und dazu erklingt Musik
lust'ger Musikanten,
sie spiel'n eine schnelle Gigue,
Walzer und Romanzen.
Kaum hat die Musik begonnen,
füllt sich rasch die Wiese,
hat der Wurzelmann genommen
seine Wurzelliese.
Tanzen fröhlich in der Nacht,
bis die Sterne schwinden,
sind die Menschen dann erwacht,
keine Spur sie finden.
Nur der lust'ge Fridolin
sagt, er war dabei,
hätt' auf seiner Violin
mitgespielt im Mai.
 

 

Prinz Gernegroß

 Ich heiße Hänschen Gernegroß,
so ruft mich Mama immer,
ich sitze gern auf ihrem Schoß
in unsrem großen Zimmer.
Und wenn ich sie dann bitte sehr,
mir etwas zu erzählen,
dann fängt sie an mit einer Mär
von Elfen an den Quellen.
Von Feuer spei'nden Drachen auch,
geraubten Königskindern,
von Riesen, die in ihrem Bauch
Platz haben für zwölf Rinder.
Dann
kommt der Prinz auf seinem Pferd
und kämpft mit all den Bösen,
hält fest in seiner Hand das Schwert,
die Jungfrau zu erlösen.
Wie herrlich, wenn der Königssohn
vertreibt die bösen Drachen,
hilft der Prinzessin aus der Not,
jetzt kann sie wieder lachen.
Und ist dann die Geschichte aus,
so rufe ich - famos,
dann ziehe ich durch unser Haus
als Prinz Hans Gernegroß.


Mein Kätzlein Tu-nicht-gut

 

Mein kleines Kätzlein Tu-nicht-gut
ist grad acht Wochen alt,
es tobt und jagt mit großem Mut
und macht vor gar nichts Halt.

Gar lustig ist es anzuschaun,
wie’s springt, wie’s rennt und flitzt,
wie's klettert rasch auf einen Baum
und niemals stille sitzt.

Und plötzlich - schwupps - springt es ganz schnell,
juchhe, auf meinen Schoß,
und seine Augen blitzen hell
und schaun mich an ganz groß.
 

Ach, bliebst du, kleiner Spring-ins-Feld,
doch stets so wild und klein,
könnt’s toben hier, wie’s dir gefällt,
ich sagte niemals nein.

 

Herr Schuster

Herr Schuster, schau
hierher genau,
mein
Schuh hat doch,
guck mal, ein Loch.
Besohl' den Schuh,
dann hab ich Ruh,
nichts dringt mehr ein
zum Loch hinein.


Reiseträume

Ri-ra-Korallenriff,
wir reisen mit dem Segelschiff,
wir segeln alle übers Meer,
die Möwen fliegen hinterher,
die Wellen rauf, die Wellen runter,
da werden alle Seeleut' munter.
Nun blase tüchtig, lieber Wind,
mein Schiff soll segeln, schnell, geschwind
hinaus aufs Meer und Ozean
zu Pinguin und Pelikan.
Piff-paff-Peter Pan,
wir
fahren mit der Eisen bahn,
die zischt und dampft und qualmt und braust,
wie schnell sie auf den Schienen saust!
Die Landschaft draußen fliegt vorbei,
bei einer solchen Raserei.
Die Vögel fliegen auf verstört
und schimpfen wütend: "Unerhört!"
Doch alle Kinder in der Bahn,
die möchten immer weiter fahr'n.


Wünsche

Ich wünsche mir, es wäre so,
ich könnte sein ein Eskimo,
ich führe dann auf große Reis'
im Hundeschlitten übers Eis.
Bestaunte dort die weißen Bären,
die sich von Robbenfleisch ernähren
und baute mir ein Igluhaus
aus Eis und Schnee und schaute raus.
Ich küsste, wie ein Eskimo,
nur mit der Nase, schau her:  So!
Klaus der Held
In die große, weite Welt
zieht der Klaus als großer Held.
In der Hand hält er ein Schwert,
ach, es fehlt ja noch ein Pferd.
"Wo krieg ich ein Pferdchen her?"
"Das", sagt Mama, "ist nicht schwer,
nur den Besen umgekehrt!"
Schon gehts los, ganz unbeschwert,

laut ruft Klaus: "Mein Pferdchen, hopp!"
Rasend schnell gehts im Galopp
um den Tisch und durch die Stube,
großen Mut zeigt unser Bube
und vergisst vor lauter Jagen,
dass er wollt die Feinde schlagen;
hat auch so genug zu tun,
zu erwerben großen Ruhm.
Bald sind Pferd und Reiter matt
und der Held steigt müde ab.
Hat die weite Welt vergessen,
will nur rasch sein Mittagessen.


Träumereien

Wer möchte nicht einmal die Arme heben
und wie ein Vogel über Wolken schweben?
In endenlose ferne Weiten gleiten
und nichts tun, als die Arme auszubreiten,
wie eine Feder leicht vom Wind getrieben
vollkommen schwerelos auf Wolken liegen?
Ganz sanft getragen von den Elementen
zu fernen Ländern, Kontinenten?
Den Wunsch erfüll'n wir uns manchmal im Traum,
dann schweben Adlern gleich
wir durch den Raum.
Das Sandmännchen
Das Sandmännchen vom Mondenland
bringt glänzend hellen Silbersand
in Säcklein fein aus Spinnenweb,
mein Kind, spricht leis' dein Nachgebet.
Nun schließe deine Augen zu,
bist eingeschlafen gleich im Nu,
das Sandmännchen streut mit der Hand
aufs Äuglein feinsten Traumessand.
Gleich träumst du von den Himmelsauen,
von Sternenblumen, silbrig-blauen,
von Modenschäflein, großen, kleinen,

von Goldkugeln und Glitzersteinen.
Der Mond und all die Sternlein warten
auf dich im Paradiesesgarten.
Dort singen alle Englein schon
und musizier'n vor Gottes Thron.
Schlaf wohl, mein Kind, dein Engel wacht
solange, bis du aufgewacht.
Und morgen, wenn du ausgeschlafen,
erzählst  von Engeln du und Harfen.


Wolkenträume


Schwebend, immer weiter strebend
zieht ihr weißen Wolken hin,
hoch am blauen Himmel webend,
wo geht eure Reise hin?
Ihr seid lustige Gesellen,

wahre Zauberkünstler all,
dort, wo eben noch Gazellen,
schwimmt jetzt ruhig hin ein Wal.
Doch schon wandelt das Gebilde
sich zum Riesenkrokodil,
nun entschwindet's im Gefilde
hoher Lüfte, wie im Spiel.
Und so schwebt ihr in die Ferne,
fortgetrieben sanft vom Wind,
über euch die Sonne, Sterne,
staunend unter euch das Kind.
Ach, wie möchte ich so gerne
mit euch ziehen, mit euch wandern
in die endenlose Ferne,
von dem einen Land zum andern.
Bitte, zeigt mir eure Künste,
zu verwandeln die Gestalt,
dann folg ich, ihr Dunstgespinste,
euch heut Nacht im Traume bald.