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Die Gefahr steckt in der Flasche

PET-Getränkeflaschen sind in Verruf geraten

 

Die Bewohner Deutschlands haben im Jahr 2008 pro Kopf im Durchschnitt 138 Liter Mineralwasser getrunken, mit oder ohne Kohlensäure versetzt, ob Baby, ob Jugendlicher, ob Erwachsener. Die Getränkebranche glänzt mit hohen Zuwachsraten, Jahr für Jahr. Hinzu kommen ansehnliche Mengen von kohlesäurehaltigen Limonadengetränken verschiedenster Geschmacksrichtungen, also Softdrinks, auch hier werden Jahr für Jahr große Zuwachsraten verzeichnet. Weltweit kommen „gigantische“ Mengen an derartigen Getränken zusammen. Diese Getränke werden in der Regel seit vielen Jahren nicht mehr in Glas(pfand)flaschen angeboten, sondern vor allem in PET-Kunststoffflaschen abgefüllt, PET steht für PolyEthylen-Therephthalat, das aus Erdöl hergestellt wird. Aus einem Liter Erdöl entstehen ca. 12 PET-Getränkeflaschen. Diese Kunststoffflaschen zeichnen sich einerseits durch ein sehr leichtes Gewicht bei großer Stabilität und andererseits durch eine hohe Bruchfestigkeit aus und werden schon aus diesen Gründen wegen der niedrigeren Transportkosten von der Getränkeindustrie hoch geschätzt. Auch die Herstellungskosten sind sehr viel niedriger als die von Glasgetränkeflaschen, deren Kosten durch die Mehrwegeinrichtungen und Getränkekästen ebenfalls nochmals höher sind.

Nunmehr sind allerdings PET-Flaschen nach langjährigen intensiven Labor-Untersuchungen in Verruf geraten. Darüber berichtete u.a. der Fernsehsender SR nach intensiven Nachforschungen in einer Sendung für Verbraucher im Mai/Juni 2009. Danach hält der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) die Verpackungen aus PET-Kunststoff nicht nur aus ökologischer Hinsicht für sehr bedenklich (Wegwerfartikel aus Ölrohstoff, also Kunststoff-Müll), sondern es wurde festgestellt, dass dieser Kunststoff chemische Stoffe an die Getränke abgeben kann, deren gesundheitliche Unbedenklichkeit bis heute in keiner Weise erwiesen ist. Im Gegenteil, Experten haben vor kurzem hormonähnliche Substanzen im Mineralwasser nachweisen können, die menschlichen Hormonen ähneln, etwa dem weiblichen Sexualhormon Östrogen, und warnen daher Verbraucher, dass sie ein gesundheitliches Risiko eingehen, wenn sie Wasser aus solchen PET-Flaschen trinken.

Der junge Doktorand Martin Wagner hat zusammen mit Frankfurter Wissenschaftlern im Rahmen eines Forschungsprojektes über Schnecken festgestellt, dass mit Hilfe dieser sensiblen Tiere, die acht Wochen in PET- und parallel vergleichsweise dazu in Glasflaschen lebten, nachgewiesen werden konnte, dass PET Flaschen hormonartige Substanzen an das Wasser abgeben im Gegensatz zu Glasflaschen. Darüber berichtete Wagner u.a.: „Ich habe gedacht, Mineralwasser ist H2O plus Mineralien, so wie man das eben denkt als unvorbelasteter Verbraucher. Wir haben die Brusttaschen der Schnecken aus den PET- und Glasflaschen geöffnet und dann die Nachkommen gezählt. Das ist das Maß für die östrogene Belastung.“

Martin Wagner wurde bei der Zählung des Schneckennachwuchses klar, dass die Mineralwässer vielfach unterschiedlich mit hormonartigen Substanzen belastet sind und dass das ausschließlich mit ihrer Verpackung, also dem Plastik zu tun haben konnte. „Es hat sich in unserem Versuch gezeigt, dass die Schnecken aus den Plastikflaschen eine erhöhte Reproduktion hatten, während Schnecken, die vergleichsweise in Glasflaschen lebten, eine ganz normale Reproduktion hatten. Und das gibt uns einen Hinweis darauf, dass etwas aus dem Material ausgelaugt ist. Wir haben überall dasselbe Wasser eingesetzt. Das Verpackungsmaterial war die einzige Variable in dem Versuch.“

Prof. Jörg Oehlmann von der Goethe-Universität Frankfurt leitet dieses, nachdem die Warnhinweise öffentlich geworden sind, jetzt vom Bundesumweltamt (UBA) geförderte Forschungsprojekt „Hormone in PET-Flascheninhalten“, bei dem die Biologen Mineralwasser auf dessen Belastung mit Umwelthormonen, sogenannten Endokrinen Disruptoren untersuchen. Er stellte die vorläufigen Ergebnisse der Untersuchungen vor der Presse dar und führte u.a. aus: „Wir wussten, dass Lebensmittel mit bestimmten Umwelthormonen kontaminiert sein können. Ein Beispiel ist die Plastikkomponente Bisphenol A, eine östrogenartig wirkende Chemikalie, die aus Polycarbonat-Flaschen auslaugen und in die Lebensmittel gelangen kann. Allerdings haben wir es in der Realität nicht nur mit einer einzigen Chemikalie, sondern mit einer Vielzahl von Umwelthormonen zu tun.“

Um diese, wie sie die Chemiker bezeichnen, „Cocktaileffekte“ einzubeziehen, haben sich die Wissenschaftler nicht auf eine einzelne Substanz konzentriert, sondern sie haben die gesamte Hormonaktivität von Mineralwasser gemessen.

Mögliche Ursachen

Die untersuchenden Forscher und Wissenschaftler erklären sich diese Vorgänge damit, dass PET-Kunststoffflaschen nur äußerlich dicht und entsprechend sicher erscheinen. In Realität sei aber der Kunststoff porös und die Kohlensäure entweiche nach und nach durch die Flaschenhülle. Auf diese Weise könnten auch Substanzen aus dem Kunststoff ausgewaschen werden und somit ins Wasser gelangen. Martin Wagner konnte bisher noch nicht herausfinden, welche der Bestandteile der PET-Flaschen gefährlich sein könnten. Denn dazu müsste er wissen, aus welchen unterschiedlichen Stoffen sich die Flaschen zusammensetzen. Doch die großen Industriebetriebe, die die Flaschen herstellen, verweigerten ihm jede Auskunft darüber. Wagner: „Da wir nicht wissen, welche Chemikalien verwendet werden - das wird als Betriebsgeheimnis deklariert - tappen wir derzeit im Dunkeln und suchen die Nadel im Heuhaufen.“

Vergleich mit „Kläranlagenabwasser“

Die Ergebnisse der Studie von Hormonsubstanzen in PET-Flaschen haben die Frankfurter Ökotoxikologen im März 2009 in der renommierten Fachzeitschrift „Environmental Science ans Pollution Research“ veröffentlicht. In 12 der insgesamt 20 untersuchten Mineralwassermarken konnten sie eine erhöhte Hormonaktivität nachweisen. „Zu Beginn unserer Arbeiten hatten wir nicht erwartet, eine so massive östrogene Kontamination in einem Lebensmittel vorzufinden, das strengen Kontrollen unterliegt,“ so Wagner. „Allerdings mussten wir feststellen, dass Mineralwasser hormonell betrachtet in etwa der Qualität von Kläranlagenabwasser aufweist.“ Dieses Wasser von Kläranlagen ist bekanntlich u.a. durch diejenigen Hormone belastet, die sich in der „Pille“ befinden, welche Frauen gegen Verhütung von Schwangerschaften einnehmen und deren Rückstände über das WC in den Abwasserkreislauf gelangen.

Weitere Untersuchungen und Warnungen

Professor Gilbert Schönfelder von der Universität Würzburg erforscht speziell die Wirkungen von unterschiedlichen Chemikalien, die wie Hormone auf Organismen wirken. Schönfelder sagte zum gleichen Thema, dass sich spezielle Hormone gravierend insbesondere auf den menschlichen Organismus auswirken können. Im Besonderen führte er auf: „Zum Beispiel in Veränderungen der Spermienqualität, der Vergrößerung der Prostata oder verändertes Brustwachstum. Wir beobachten ein besonderes Auftreten von Diabetes Typ II oder auch Typ I oder Fettstoffwechselstörungen. Und es gibt einzelne Daten, die belegen, dass die Aufnahme von Umweltchemikalien in Zusammenhang stehen kann mit anderen Hormonkreisläufen wie zum Beispiel Stoffwechselstörungen.“

Des weiteren wurde im Rahmen dieser Untersuchungen festgestellt, dass einer von mehreren Herstellungsstoffen, z.B. das geschmacks- und geruchsintensive Acetaldehyd, dem Wasser einen leichten Geschmack nach Apfel hinzufügt, ein weiterer Hinweis also, dass Stoffe vom Plastik in den Flascheninhalt übertreten. In einem anderen Bericht http://www.bergstrasse.de/aktuelles/9904/30a.html wird angeführt, dass nach Untersuchungen der Behälterglasindustrie bei PET-Flaschen, im Gegensatz zu Glasflaschen, die Gefahr bestünde, dass sich im Inneren Schimmelpilze bildeten.

An der Ruhr-Universität Bochum wurden ebenfalls das Verhalten der PET-Getränke-flaschen in Hinsicht ihrer niedrigen Barriere gegenüber der Diffusion von Gasen und Flüssigkeiten untersucht. So kann eine Diffusion von Sauerstoff in eine PET-Getränkeflasche bei Fruchtsäften zur Oxidation und bei stillen Wassern zur Algenbildung führen. Und eine Diffusion bei kohlesäurehaltigen Getränken führt zur Verringerung des Haltbarkeitszeitraumes. Zudem sei PET nicht geschmacksneutral. Abbauprodukte des Kunststoffs können sehr schnell in das abgefüllte Getränk übergehen. Daher arbeite man inzwischen mit Hochdruck an einem plasmagestützten Verfahren, um glasartige Schichten auf die Innenseite von PET-Flaschen aufzubringen, die den Inhalt besser schützen können. Dadurch könnten einige der anstehenden Probleme vermutlich gelöst werden. Die Forschergruppe wies außerdem darauf hin, dass die derzeitigen erforderlichen Reinigungsverfahren für PET-Flaschen mit aggressiven chemischen oder hitzebasierten Nassverfahren vor einer Abfüllung erhebliche Nachteile für diese Art von Kunststoff aufweisen.

Das gesundheitliche Risiko ist noch nicht abschätzbar

Die Ökotoxikologen der unterschiedlichen am Untersuchungsprojekt beteiligten Universitäten können bisher noch nicht abschätzen, ob die nachgewiesene östrogene Kontamination des Mineralwassers ein gesundheitliches Risiko für die Konsumenten darstellt. Dazu Prof. Jörg Oehlmann von der Frankfurter Universität: „Unsere Ergebnisse belegen zwar, dass wir mit einer größeren Menge an Umwelthormonen in Kontakt kommen als bisher vermutet, allerdings wissen wir noch nichts über deren Aufnahme, Wirkung und Abbau im menschlichen Körper.“ Und welche chemischen Substanzen genau für die hormonellen Belastungen im Mineralwasser verantwortlich sind, konnte von den Wissenschaftlern noch nicht geklärt werden. Das Frankfurter Team arbeitet derzeit intensiv an deren Identifizierung.

Weitere Arbeitslosigkeit droht bei Ausweitung

Wenn der derzeitige Trend zur weiteren Umstellung von Glas- auf PET-Einwegflaschen anhält, würden nach Angaben des BUND pro Jahr 288.000 Tonnen mehr vom Kunststoff PET verbraucht, allein für Deutschland; weltweit sei die Zunahme sehr viel größer. Damit aber würde der Müllberg an Kunststoffverpackungen um 35 Prozent zunehmen. Die weitere Umstellung auf Abfüllung in immer mehr PET-Einwegflaschen statt in Glas-Mehrweg kann laut BUND auch negative Auswirkungen auf die Arbeitslosenzahlen haben: Nach Schätzungen des BUND könnten sich von den derzeit 240 regionalen Mineralbrunnen nur die wenigsten die teure Umstellung der Abfüllanlagen auf PET-Flaschen leisten. So würden letztendlich nur noch 20 bis 30 zentrale Großbrunnen und Abfüller die kleineren vom Mark verdrängen, die ihre Arbeiter entlassen müssten. Zu Folge hätte diese Umstellung ferner, dass weite Transportwege und längere LKW-Fahrten erforderlich wären mit allen negativen Folgen für die Umwelt wie Abgase, Lärm usw. Daher fordert der BUND auch aus diesem Grund die Verbraucher auf, beim Getränkekauf zur Mehrweg-Flasche regional ansässiger Brunnen zu greifen.

Die Produzenten hüllen sich in Schweigen

Das Untersuchungsteam des Fernsehsenders SR wandte sich aufgrund dieser besorgniserregenden Untersuchungsergebnisse an diverse Mineralwasserproduzenten und wollte von ihnen erfahren, wie sie zu den möglichen Gefahren stehen, die von PET-Flaschen ausgehen. Doch alle angesprochenen Hersteller verweigerten jegliche Stellungnahme, weder der Branchenführer Gerolsteiner noch der Verband Deutscher Mineralbrunnen waren bereit, sich vor der Kamera zum Thema zu äußern. Sie lehnten sogar eine schriftliche Stellungsnahme ab.

Das Redaktionsteam wandte sich deshalb an die zuständigen Behörden, um dort zu erfahren, ob angesichts der möglichen gesundheitlichen Gefahren für die Bevölkerung die Produzenten nicht zu einer Zusammenarbeit gezwungen werden könnten oder dass diese die PET-Flaschen bis zur endgültigen Klärung der anstehenden Fragen aus dem Verkehr ziehen müssen. Das Ergebnis: Das Bundesinstitut für Risikoabwägung (BfR) wollte sich gegenüber der Fernsehredaktion gar nicht äußern. Später allerdings erklärte Jürgen-Thier-Kundke vom BfR gegenüber http://lifestyle.t-online.de/c/18/12/27/22/18122722.html - „Wir schließen uns dieser Aussage nicht an. Es wurde nicht untersucht, woher diese Aktivität kommt. Wir nehmen das aber ernst“. Und das Bundesumweltamt ließ die Redaktion telefonisch wissen, man müsse erst weiterforschen bzw. weiterforschen lassen, bevor man weitere Schritte unternehmen könne. Daraus kann man nur schließen, dass dieses Amt seine Aufsichts- und Überwachungspflicht offenbar vernachlässigt und einen Artikel wie die PET-Plastikflaschen für die Aufnahme und den Verkauf von Lebensmittelgütern zugelassen hat, bevor umfangreiche gesundheitliche Überprüfungen stattgefunden haben und deren Unbedenklichkeit garantiert werden kann. In der Arzneimittelbranche zum Beispiel wäre ein solcher Vorgang undenkbar.

Dazu äußerten sich Wissenschaftler wie Professor Schönfelder, dass sie sich mehr Engagement und Verantwortungsbewusstsein der zuständigen Behörden wünschten: „Das Thema ist so evident wichtig, weil es unsere Zukunft anbelangt. Wir wollen verstehen, was in den nächsten Generationen passiert. Mich persönlich interessiert nicht allein, was morgen ist, sondern was passiert in 10, 20 und 150 Jahren. Weil das unsere ganze Population anbelangt.“

Gesunde Alternativen

Das Fernsehteam kam nach seinen Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass die Hersteller und Vertreiber der PET-Flaschen das Gesundheitsrisiko leicht ausschließen könnten, wenn sie statt der PET-Kunststoffflaschen solche aus Leichtglas verwenden würden. Dieses ist hormonell vollkommen unbedenklich und um zwei Drittel leichter als normales Glas. Doch offenbar haben daran die Produzenten keinerlei Interesse, vermutlich weil die Umstellung sie viel Geld kosten würde.

Bis zu einer endgültigen Klärung der Probleme und Ursachen der Hormonfunde befinden sich diejenigen Konsumenten auf der sicheren und risikofreien Seite, die Getränke in Glas- anstelle von PET-Flaschen erwerben.

                                                                                                         Hans Harress